Der Hacker des Stromnetzes
IT-Unternehmer Bernd ReifenhÀuser will unser ElektrizitÀtsnetz umkrempeln. Analog zum Internet sollen dabei kleine Strompakete selbststÀndig ihren Weg durch die Leitungen finden.
Nichts ist beruhigender als das Patent auf eine Idee, deren Zeit noch kommen wird. Das könnte das Motto von Bernd ReifenhĂ€user sein. Sein Doktorvater sei nĂ€mlich knapp an einem Nobelpreis vorbeigeschrammt, weil er eine Idee nicht weiterverfolgte, erzĂ€hlt ReifenhĂ€user. Welche das war, will er nicht verraten. Aber seinerzeit habe er sich geschworen, dass ihm das nicht passieren wird, sollte ihn ein wirklicher Geistesblitz treffen. Inzwischen hĂ€lt ReifenhĂ€user fĂŒr seine Idee des Quantum Grids Patente in den USA, China und der EU.
Der Zeitpunkt könnte kaum besser passen. Denn das Quantum Grid soll ein zentrales Problem der Energiewende lösen. Weil die Erzeugung von Windenergie und Solarstrom schwankt, muss auch das Netzmanagement deutlich flexibler werden, um die Gefahr weitreichender StromausfĂ€lle zu bannen. Genau dies soll das Quantennetz liefern. Darin flieĂt der Strom nicht mehr kontinuierlich wie Wasser durch die Leitungen mit dem geringsten Widerstand.
Im Quantum Grid wird Strom Ă€hnlich den Quanten in der Quantenmechanik als einzelne Pakete oder Teilchen verbreitet â ganz so wie Datenpakete im Internet. Verbraucher könnten die kleinen Strompakete je nach Bedarf von einem Stromerzeuger anfordern. AnschlieĂend bahnen sie sich selbstorganisiert den gĂŒnstigsten Weg durch die Leitungen. Auf digitalen Labeln sind Erzeuger und Verbraucher vermerkt, um abrechnen zu können. Die Idee könnte sich tatsĂ€chlich als revolutionĂ€r herausstellen. Dabei ist sie nur konsequent. Nach dem Internet der Daten und dem Internet der Dinge könnte also das Internet der Energie kommen.
Schon im Jahr 2008 fragten sich ReifenhĂ€user und sein GeschĂ€ftspartner Alexander Ebbes, ob man die Stromversorgung nach diesem Prinzip organisieren könnte. Einen Ă€hnlichen Systemwandel hatte die Telekommunikationsbranche mit der EinfĂŒhrung der Internettelefonie bereits eingelĂ€utet. Und damit kannten sich ReifenhĂ€user und Ebbes aus, denn ihre Firma, die GIP AG in Mainz, ist ein MittelstĂ€ndler, der Software fĂŒr groĂe Telekommunikationsunternehmen entwickelt.
SpĂ€testens als im Jahr 2011 die Reaktorhavarie von Fukushima die Energiewende in Deutschland einlĂ€utete, hatte ReifenhĂ€users Lösung auch ihr Problem gefunden. "Die Netzbetreiber versuchen zwar schon, mit dem sogenannten Smart Grid die schwankende Erzeugung zu managen", sagt ReifenhĂ€user. "Doch der eigentliche Kern des Problems, der Zentralismus, bleibt bestehen." Im Smart Grid sollen WindrĂ€der und Solarzellen zu groĂen, virtuellen "FlĂ€chenkraftwerken" zusammengefasst werden, zentrale Stromspeicher dienen als Puffer fĂŒr kurzfristige Schwankungen.
Aber die damit mögliche FlexibilitĂ€t ist begrenzt. Denn nach wie vor sind sĂ€mtliche Erzeuger ĂŒber die gemeinsame Netzfrequenz von 50 Hertz fest miteinander verbunden. "Das kann man sich wie eine starre Kopplung von sehr vielen Motorwellen vorstellen, die ĂŒber ZahnrĂ€der ineinandergreifen", erklĂ€rt ReifenhĂ€user. "Dreht da einer mal zu schnell oder zu langsam, knirscht es sofort im ganzen System." Das PhĂ€nomen ist in der Elektrotechnik als 50,2-Hertz-Problem bekannt.
Ăndert sich die Netzfrequenz um mehr als 0,2 Schwingungen pro Sekunde, gehen viele der heute hochgezĂŒchteten, empfindlichen Generatoren kaputt. Die Netzbetreiber sind mehr oder weniger hilflos dem Ohmschen Gesetz und den Kirchhoffschen Regeln ausgeliefert â jenen physikalischen GesetzmĂ€Ăigkeiten, nach denen sich der Stromfluss abhĂ€ngig vom Widerstand und der Anzahl der möglichen Leitungen verteilt.
Im Quantum Grid sollen dagegen an neuralgischen Netzknotenpunkten spezielle Router stehen. Diese intelligenten Transformatoren grenzen Gebiete mit gleicher Spannung und Frequenz im Netzwerk gegen andere Gebiete ab. Diese können sogar ganz andere Spannungen und Frequenzen haben und sogar mit Gleichstrom statt mit Wechselstrom betrieben werden. Stromschwankungen oder gar Blackouts in einem Teilnetz wĂŒrden sich nicht auf andere Teilnetze ĂŒbertragen.
"Auch beim Wiederhochfahren des Netzes nach groĂflĂ€chigen Störungen könnte die Quantelung des Stroms von Vorteil sein", sagt GabriĂ«l Clemens, technischer Vorstand des Verteilnetzbetreibers VSE, dem gröĂten Stromlieferanten im Saarland. "Wie bei einer intelligenten VerkehrsfĂŒhrung könnten wir beim Quantum Grid wesentlich besser dosieren, welche Strommengen wohin gelangen."
Doch Bernd ReifenhĂ€user weiĂ, dass er nur mit einem funktionierenden Demonstrationsmodell ĂŒberzeugen kann. "Wir hatten groĂes GlĂŒck, dass ein an der RWTH Aachen entwickelter Gleichspannungswandler genau zu unserem Konzept passte", erzĂ€hlt er. Das Besondere: Dieser Wandler hat eine Arbeitsfrequenz von 1000 statt der ĂŒblichen 50 Hertz. UrsprĂŒnglich sollte das nur Kosten einsparen, weil bei höheren Frequenzen das magnetische Material besser ausgenutzt werden kann und man deshalb nicht so viel davon braucht. Eine hohe Schaltfrequenz ist aber auch essenziell fĂŒr eine schnelle Bearbeitung der einzelnen Strompakete im Quantum Grid. Nun soll der Wandler aus Aachen HerzstĂŒck des Routers fĂŒr das Strom-Internet werden.
Zusammen mit dem E.on Energy Research Center an der RWTH hat ReifenhĂ€user einen Förderantrag fĂŒr das ProPhet-Projekt beim Bundeswirtschaftsministerium gestellt. Dabei wird das Stromnetz eines Passivhauses auf dem GelĂ€nde des Forschungszentrums JĂŒlich auf ein Quantum Grid umgestellt. AuĂerdem bereitet er mit Industriepartnern und zwei weiteren UniversitĂ€ten einen Antrag bei der EU fĂŒr den Bau eines Testnetzes vor â idealerweise an der RWTH Aachen.
Die Japaner sind mit ihrem "Digital Grid Consortium" unter FĂŒhrung des Tokioter Professors Rikiya AbĂ© allerdings schon etwas weiter. AbĂ© hatte seine Idee eines Strom-Internets kurz nach ReifenhĂ€user publiziert und konnte immerhin noch ein japanisches Patent ergattern. In einem Hotelkomplex verbindet sein Digital Grid nun Solarzellen, Batterien und eine geothermische Stromquelle. Gerade hat AbĂ© eine staatliche Förderung von drei Millionen Dollar fĂŒr sein Projekt erhalten, um in seiner Heimat Fukushima eine gröĂere Version zu installieren.
GröĂtes Hindernis fĂŒr ein Quantum oder Digital Grid ist aber, dass weder die Deutschen noch die Japaner bisher eine KostenabschĂ€tzung fĂŒr die Umstellung vorlegen konnten. Auch die entstehenden Verluste sind noch weitgehend unerforscht. An der UniversitĂ€t von Barcelona hat der Elektroingenieur Andreas Sumper immerhin schon untersucht, wie die Preisverhandlungen ĂŒber die Lieferung der Strompakete laufen könnten. Der Austausch liefe dabei einfach auf einer anderen Frequenz ĂŒber die vorhandenen Stromleitungen. Lokale Kleinerzeuger wĂ€ren bei seinem Marktmodell im Vorteil, weil sie nur einen kurzen Weg durch das Leitungsnetz benötigen.
Den gröĂten Vorteil des Quantum Grids sieht ReifenhĂ€user denn auch in der Tatsache, dass es keine zentrale Steuerung mehr braucht. Damit wĂ€re das Quantum Grid auch fĂŒr kleinste Erzeuger offen. Selbst zur Abrechnung der gelieferten Energie brĂ€uchte man beim Einsatz von Bitcoins keine zentrale Instanz mehr. Ein solches Netz wĂ€re ideal fĂŒr unterentwickelte Regionen, in denen es ohnehin kaum verlĂ€ssliche Stromnetze gibt. (bsc [1])
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