Das Bastel-Handy
Ein Start-up aus Israel hat ein modulares Mobiltelefon entwickelt, das sich durch das Einstecken in andere GerÀte zur Multimediaplattform mausert.
Wenn man ein Mobiltelefon auf das Wesentliche reduziert, dĂŒrfte es wohl so aussehen wie das Modu. Das kleine Handy, das kaum gröĂer ist als ein Dominostein, bietet die Möglichkeit, Telefonate zu fĂŒhren und per SMS zu kommunizieren. Hinzu kommen noch eine Kontaktliste und ein wenig MP3-Musik in einem bis zu 16 Gigabyte groĂen Speicher. Bedient wird das GerĂ€t ĂŒber einen kleinen, aber dennoch nutzbaren Bildschirm und ein karges Tastenfeld ohne Ziffern. Schon in dieser Variante kann man mit dem Modu als einfaches Telefon eigentlich prima leben. Aber das ist eben nicht alles: Ăber so genannte "Jackets", GerĂ€te, in die man das Handy einstecken kann, lassen sich verschiedene Zusatzfunktionen nachrĂŒsten.
Modu Mobile [1], das israelische Start-up hinter der Idee, hofft, dass die Kundschaft ihr VerhĂ€ltnis zu mobiler Elektronik dank dieser neu gewonnenen ModularitĂ€t ĂŒberdenkt, wie Technikchef Itay Sherman sagt. Derzeit besĂ€Ăen die meisten Kunden nur ein GerĂ€t, das sie stĂ€ndig verwendeten. Nach ein, zwei Jahren werde es erst durch ein neues Modell ersetzt, weil ein frĂŒherer Wechsel zu teuer sei. Doch die aktuelle Marktsituation, ein Handy fĂŒr alle Gelegenheiten zu verwenden, passe nicht mehr zum modernen Lebensstil, sagt Sherman. Manchmal wolle man mit dem kleinstmöglichen GerĂ€t herumlaufen, manchmal benötige man hingegen ein KommunikationsgerĂ€t mit vernĂŒnftiger Tastatur oder einen Medienabspieler mit groĂem Bildschirm. "Statt stĂ€ndig ein neues Handy zu kaufen, ermöglichen unsere Jackets diesen Wechsel sofort."
Bei der Herstellung des Modu musste man einige Kompromisse eingehen. WĂ€hrend die Chiptechnik bereits so weit ist, dass die notwendigen Schaltungen klein genug sind, um in ein solches Mini-Handy zu passen, mussten andere Bauteile wie der Bildschirm, die Tastatur und die Batterie geschrumpft werden. Das Display wurde speziell entworfen: Es nutzt die stromsparende OLED-Technik und ist nur einen Millimeter dick. Weil sich die Firma schnell bewusst wurde, dass ein vollstĂ€ndiges Keypad samt Nummerntasten in dieser GröĂe unpraktisch ist, entschied sich das Entwicklungsteam fĂŒr ein simplifiziertes Tastenfeld samt passender MenĂŒfĂŒhrung, die an MP3-Spieler erinnert. Die Lithium-Ionen-Polymer-Batterie, die technisch herkömmlichen Handyakkus Ă€hnelt, wurde ebenfalls angepasst - sie ist dĂŒnner und lĂ€nglicher und kann trotzdem drei Stunden GesprĂ€chszeit und 100 Stunden Stand-by leisten.
Sobald der Nutzer das Modu in eines der Jackets steckt, verbessert sich sofort der Funktionsumfang. "Das Jacket kann ebenfalls eine Batterie enthalten", sagt Sherman. Dann teilten die kombinierten GerÀte die Last zwischen zwei Akkus auf. "Das erweitert GesprÀchs- und Stand-by-Zeit."
Eine der Hauptinnovationen sei aber die Software, die das Modu automatisch neu konfiguriere, wenn es in ein anderes GerĂ€t eingesteckt wird. Eine Ressourcen-Datei definiert dabei, wie Modu und Jacket miteinander arbeiten. "Jedes Jacket bietet eine ganz neue Nutzererfahrung, doch die grundlegende MenĂŒfĂŒhrung bleibt gleich, so dass sich der Nutzer nicht umgewöhnen muss."
Neben Handy-spezifischen Jackets will Modu Mobile auch Unterhaltungselektronik anbieten, in die das GerĂ€t eingesteckt werden kann. Dazu gehört eine Kamera, mit der das Modu Bilder drahtlos an andere Handys ĂŒbermitteln kann oder ein Unterhaltungssystem fĂŒrs Auto, das den Zugriff auf die MP3-Sammlung im Handy ermöglicht und eine Freisprecheinrichtung mitbringt.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Industrie versucht, modulare Handys zu schaffen. Avi Greengart, Forschungsdirektor fĂŒr den Handy-Bereich beim Marktforscher Current Analysis, erinnert sich etwa an eine Firma namens IXI Mobile, den Hersteller des mobilen Messenger-GerĂ€tes "Ogo": "Dabei wurden mehrere Bestandteile ĂŒber Bluetooth miteinander verbunden." Ein grundlegendes Speichermodul wurde so beispielsweise mit einem gröĂeren Bildschirm oder einem Medienabspieler kombiniert. Durchgesetzt hat sich Ogo allerdings nie. Greengart glaubt, dass das vor allem daran lag, dass niemand nur einen abgespeckten Musikspieler wollte, den man dann nur durch den Kauf von anderen GerĂ€ten wirklich zum Leben erwecken konnte.
Greengart ist dementsprechend skeptisch, dass Modu bestehen kann. "Auf dem Papier erscheint das vielleicht sinnvoll, doch in der Vergangenheit ist fast jeder Versuch, modulare GerĂ€te zu schaffen, daneben gegangen." Die Hersteller verstĂŒnden nicht, wie die Kunden Produkte kauften. Damit sich ein Markterfolg ergibt, mĂŒsste sich deren Verhalten schon deutlich verĂ€ndern, meint Greengart. "Kunden kaufen nicht gleichzeitig mehrere Module oder wissen bereits von Anfang an, dass sie spĂ€ter welche nachkaufen wollen."
Modu Mobile hofft, diesem alten Trend zu entgehen. Die Kundschaft soll stets an Jackets und das Basishandy gleichzeitig denken. "Wir wollen dem Markt klarmachen, welche FlexibilitĂ€t und welche Angebote es ĂŒberhaupt gibt", meint Sherman. Die ersten Produkte mit dem Modu Mobile-Logo soll es im Oktober in Italien, Russland und Israel geben. Das erste Paket, das aus dem Basishandy und zwei Jackets besteht, soll 200 Euro kosten - eine Summe, die von den Netzbetreibern auch noch subventioniert wird. 2009 sollen dann Partner im restlichen Europa und in den USA gefunden sein.
Greengart sieht durch die VertrĂ€ge mit wichtigen Netzbetreibern in den drei StartlĂ€ndern immerhin eine erste HĂŒrde genommen. "Oftmals ist die groĂe Herausforderung ja die, die GerĂ€te ĂŒberhaupt vor den Kunden zu bekommen. Modu hat Carrier in Israel, Italien und Russland. Wir werden sehen, wie viel Gewicht sie dem GerĂ€t beimessen."
Das Modu sei eine "etwas andere" Idee - und die Industrie könne durchaus mehr von derartigen Innovationen gebrauchen. Doch ob ein solches GerÀt sich gegen populÀre Smartphones wie Apples iPhone durchsetzen werde, sei eine andere Frage. "Ich will hier ja nicht mit Klischees kommen, aber keines dieser Jackets macht aus dem Modu plötzlich ein Apple-Handy", sagt Greengart. (bsc [2])
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