Auf der Spur der inneren Uhr
Wer nicht zur richtigen Zeit schlÀft, kann ernsthaft krank werden. Aber was ist die richtige Zeit? Daten aus Wearables geben Antworten.
Markus Steiner (Name von der Redaktion geĂ€ndert) weiĂ schon im Voraus, dass er am 31. MĂ€rz schlecht gelaunt aufwachen wird. An diesem Wochenende findet nĂ€mlich die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit statt, und sein Körper wird gegen den Verlust von einer Stunde Schlaf wieder heftig rebellieren. âIch brauche meist mehrere Wochen, um mich halbwegs an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Ich bin jeden Morgen muÌde und gereizt. So richtig atme ich erst wieder auf, wenn die Winterzeit anfĂ€ngtâ, sagt Steiner. Das liegt wohl daran, dass er ein ausgeprĂ€gter Nachtmensch ist, im Volksmund eine Eule. Er muss schon im Winter fruÌher aufstehen, als es seine innere Uhr vorgibt, und schlafen gehen, wenn er nicht muÌde ist. Die Sommerzeit zwingt ihn, noch fruÌher aufzustehen.
So schlecht ergeht es bei der Zeitumstellung nicht jedem. Doch die doppelte Uhrenumstellung pro Jahr verschĂ€rft trotzdem fuÌr Lerchen wie fuÌr Eulen und alle Misch-Chronotypen dazwischen ein grundlegendes Problem: Schlafmangel. FuÌr Schlafforscher Matthew Walker von der University of California Berkeley steht fest: Wer nicht genug und erholsam schlĂ€ft, macht sich auf Dauer krank, steigert sein Risiko fuÌr Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer, Depression und Krebs und verkuÌrzt damit seine Lebenszeit. Schlafen wir zu wenig, nehmen wir auch leichter zu und torpedieren Abnehmversuche. Der Brite warnt seit Jahren in launig prĂ€sentierten, aber eindringlichen VortrĂ€gen vor den Gefahren des Schlafmangels und appelliert an Ărzte, statt Schlafmitteln tatsĂ€chlich Schlaf zu verschreiben.
Die Studienlage ist so eindeutig, dass auch die Weltgesundheitsorganisation Schlafmangel zur Epidemie erklĂ€rt hat. Auch das im Alter nachlassende Erinnerungsvermögen könnte mit daran liegen, dass sich in dieser Zeit unser Schlaf signifikant verschlechtert, schreibt Walker im 2018 erschienenen âDas groĂe Buch vom Schlafâ. Forscher kartierten, wie unsere innere Uhr tickt und wie wir immer mehr den Kontakt zu ihr verloren haben. Das moderne Leben mit seinem elektrischen Licht, der Schichtarbeit, dauernden Erreichbarkeit und den Möglichkeiten nĂ€chtlicher Unterhaltung haben uns aus dem Takt gebracht. Wir gehen bis zu zwei Stunden spĂ€ter ins Bett als unsere Vorfahren vor hundert Jahren. Das Problem Schlafmangel hat auch ernsthafte wirtschaftliche Konsequenzen: Weltweit verursacht Schlafmangel jĂ€hrlich SchĂ€den in Milliardenhöhe (USA: 411 Milliarden Dollar, Japan 138 Milliarden Dollar, Deutschland 60 Milliarden Dollar), schreibt Walker.
Wie aber schlafen wir wieder besser? Diese Frage konnten Schlafforscher lange nur in Laboren stellen, in denen Probanden aufwendig verkabelt liegen mussten. Doch nicht alle Antworten lassen sich in einer so fremden Umgebung finden, sagt Chronobiologe Till Roenneberg von der MuÌnchener Ludwig-Maximilians- UniversitĂ€t. Er ist einer von Deutschlands bekanntesten Experten, wenn es um den circadianen, also den Tag umfassenden Rhythmus von Schlafen und Wachsein geht. Wie viel Schlaf man zum Beispiel braucht und wie man objektiv bestimmen kann, was gute SchlafqualitĂ€t ausmacht, könne nur eine Langzeitvermessung des Schlafs im eigenen Bett erhellen. Der Blick in Millionen Schlafzimmer gelingt mithilfe von Wearables, also am Körper getragene Minicomputer. Auf diese Weise lassen sich Studien mit riesigen Probandenzahlen durchfuÌhren und gleichzeitig individuelle Lösungen fuÌr Schlafprobleme finden.
(rot [1])
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